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Sommerzeit ist Reisezeit – Ein Gastbeitrag von Ursula Reisenberger zu einem Traumziel im Indischen Ozean

Île St. Paul - Satellitenbild

Île St. Paul – Satellitenbild – © eoVision/Digital Globe, 2012

Mitten im Indischen Ozean liegt ein Juwel: die Île St. Paul. Auf halbem Weg zwischen Afrika und Australien und etwa 3.500 km vom Festland entfernt, ist St. Paul eine der abgelegensten Inseln des Planeten. Trotz ihrer nur 7 km2 Grundfläche ist das Eiland ein Vulkan; ein majestätischer Kegel, umgeben von Weite. 1559 wird St. Paul zum ersten Mal erwähnt.

Was uns hier interessiert, ist die Geschichte der (freiwillig oder unfreiwillig) bewohnten Insel – und die beginnt so richtig erst nach 1780. Da erliegt der Vulkan nämlich der Kraft von Wetter und Gezeiten und wohl auch der Aktivität in seinem eigenen Inneren: Ein Teil stürzt ein und öffnet den Krater zum Meer. (Die vulkanische Tätigkeit kommt dadurch freilich nicht zum Stillstand. Der letzte Ausbruch liegt erst 222 Jahre zurück; weitere Eruptionen sind somit zu erwarten.)

Die dramatische Bewegung in ihrem Inneren hat die Insel stark verändert: Es entsteht eine Passage, die mit nur 100 Metern Breite und weniger als 2 Metern Tiefe eine äußerst behutsame Annäherung erfordert. Wer aber mit einem kleinen Schiff die Landzungen einmal passiert hat, findet hinter ihnen ein geräumiges Becken, das verlässlich vor aller Unbill des freien Meeres schützt.

“St. Paul’s Island is one of the most extraordinary places in the world”, schreibt einer, der es wissen muss: Arthur Trupp, Kapitän eines schiffbrüchigen Frachters, der sich und seine Besatzung 1871 auf die Insel retten kann. Ihre schwindenden Vorräte ergänzen die 300 Havarierten, die monatelang auf Evakuierung warten, aus dem reichen Fischbestand, wild wachsenden Kräutern und Gemüsen und Regenwasser, das sich in natürlichen Becken sammelt. Laut Trupp ist St. Paul zwar abgelegen, weiß aber im Moment der Gefahr die Bedürftigen mit allem Nötigen gut zu versorgen.

Der undichte Frachter hieß übrigens nach der weiblichen Urkraft der Antike, der Rachegöttin „Megaera“. Doch schon drei Jahre später wird St. Paul im Zusammenhang mit einer ganz anderen Göttin genannt: Eine wissenschaftliche Mission beobachtet von der Insel aus erfolgreich den Transit der Venus. Vielleicht ist das Hafenbecken ja damals entstanden: Aus der Luft betrachtet ist die Herzform jedenfalls deutlich erkennbar…

1928 erreicht der Kapitalismus St. Paul. Eine Konservenfabrik wird gegründet, bis zu 22.000 Langusten täglich gefangen, eine Insel-Population gebildet, das erste Kind geboren… Dann treibt die Krise die Firma an den Rand des Ruins. Ihre Aktivitäten werden reduziert, Personal abgezogen, nur die Ausdauerndsten bleiben. Und werden – vergessen. Mehr als zwei Jahre dauert es, bis sie ein Schiff schließlich in die Zivilisation zurück bringt. Nach überstandenem Schrecken werden sie am Ende als Romanhelden gefeiert.

Doch die vergessenen Fischer sind nicht die einzigen Berühmtheiten der Insel: Einer ihrer Bewohner, der riesige Tintenfisch „Architeuthis sanctipauli“, trägt sogar ihren Namen. Aber auch Pinguine, Seelöwen und jede Menge Zugvögel finden auf St. Paul einen sicheren Ort mitten im Meer. Und vielleicht ist auch das kein Zufall: Die Richtung, nach der die Insel offen, von der aus sie zugänglich ist, ist der Nordosten. Die Richtung von Sinn, Ruhe und Wissen, aber auch von Mut, Aufrichtigkeit, Geduld, Vertrauen und Liebe.

Übrigens: Obwohl die Insel schon seit dem 19. Jahrhundert französisch ist, wurde sie, wie könnte es anders sein, von einem Österreicher erstmals kartiert…

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